

Der Gaggou Beach auf Samos: Rechts steht unser ehemaliges Hotel mit 56 Zimmern, die alle Meerblick hatten. Links daneben befindet sich unser damaliges Wohnhaus. Auch die vier Häuser hinter den Bäumen gehörten früher zu unserer Familie. Im Vordergrund liegt der Strand, mit dem so viele Erinnerungen meiner Kindheit und unserer Familiengeschichte verbunden sind.
Samos liegt mir nicht nur am Herzen – die Insel ist ein Teil meiner Familie, meiner Kindheit und meines Lebens. Mein Vater war gebürtiger Samiote, ein „Samiotis“, wie man auf Griechisch sagt. Durch ihn habe ich die Geschichte und Kultur der Insel, ihre Bräuche, ihre kulinarische Vielfalt und vor allem ihre Menschen kennengelernt und lieben gelernt.
Gleichzeitig bin ich ebenso tief mit Kempen und besonders mit St. Hubert verbunden, denn meine Mutter stammte aus St. Hubert. Deshalb trage ich bis heute zwei Heimaten in meinem Herzen: Kempen am Niederrhein und die griechische Insel Samos.
Die Reisen meiner Kindheit
Solange ich denken kann, bin ich sehr gerne nach Griechenland und besonders nach Samos gereist. Bis 1978 fuhren wir nahezu jedes Jahr während der Sommerferien von St. Hubert aus mit dem Auto nach Griechenland. In den 1980er-Jahren reisten wir dann ungefähr alle zwei Jahre nach Samos.
Schon die Fahrt war damals ein großes Abenteuer. Für die Hinfahrt brauchten wir meistens fünf bis sechs Tage. Nur meine Mutter besaß einen Führerschein und musste die gesamte Strecke allein fahren. Deshalb legten wir unterwegs immer wieder längere Pausen in verschiedenen Ländern ein.
Während meine Mutter sich von der anstrengenden Fahrt erholte und etwas schlief, erkundeten wir fünf Kinder gemeinsam mit unserem Vater die Umgebung. So begann unser Urlaub nicht erst auf Samos. Bereits die Fahrt führte uns durch unterschiedliche Länder, Landschaften und Kulturen. Mein Vater nutzte jede Gelegenheit, uns etwas über Land und Leute zu zeigen.
In Griechenland angekommen, fuhren wir nicht sofort zum Hafen von Piräus. Zunächst besuchten wir in Athen gute Freunde unserer Familie. Sie hatten ebenfalls drei Kinder in unserem Alter. Dort blieben wir meistens noch zwei oder drei Tage. Auch dieser Aufenthalt gehörte für uns fest zur Reise nach Samos.
Erst danach ging es weiter zum Hafen von Piräus. Von dort fuhren wir unter anderem mit der Fähre „Mimika L.“ nach Samos. Die Überfahrt durch die Ägäis dauerte damals etwa 14 bis 16 Stunden. Für uns Kinder war schon diese Schiffsreise ein Erlebnis.
Eine Begrüßung, die ich nie vergessen werde
Meistens erreichten wir Samos gegen 21 oder 22 Uhr. Noch bevor das Schiff im Hafen von Vathy anlegte, fuhr es ganz nah an der Bucht von Gaggou vorbei.
Dort stand das Haus meiner Großtante Evmorfia, die wir Morfia nannten. Ihr Familienname war Gaggou. An ihrem Haus hatte sie draußen eine bunte Lichterkette angebracht. Wenn unser Schiff in die Bucht einfuhr, schaltete sie diese Lichter immer wieder ein und aus. Vom Schiff aus konnten wir ihre Lichtzeichen deutlich erkennen.
Für uns war das ihr ganz persönlicher Willkommensgruß.
Auch die Schiffe ließen damals dreimal hintereinander ihr Signalhorn ertönen. Ob dies jedes Mal tatsächlich als Antwort auf ihre Lichter geschah oder wir Kinder es einfach so empfanden, spielte für uns keine Rolle: Es war die schönste Begrüßung der Welt. Wir wussten in diesem Augenblick, dass wir wieder angekommen waren – nicht nur an unserem Urlaubsort, sondern bei unserer Familie und in unserer zweiten Heimat.
Die ganze Familie wartete auf uns
Nach der Ankunft im Hafen von Vathy fuhren wir zunächst zu meinem Großvater Emanuel. Er wohnte nur ungefähr drei Minuten vom Hafen entfernt.
In den beiden Häusern neben ihm lebten weitere Angehörige unserer Familie. Auf der einen Seite wohnte mein Großonkel Kosta mit seiner Frau. Die beiden hatten keine Kinder, aber einen Goldfisch und zahlreiche Vögel. Einige befanden sich in einem Anbau, andere bewegten sich frei im Garten. Für uns Kinder war dieses Haus jedes Mal etwas ganz Besonderes.
Auf der anderen Seite wohnte meine Großtante Vaso mit ihrem Mann. Auch sie hatten keine Kinder. Wenn wir auf Samos ankamen, versammelte sich die Familie bei meinem Großvater. Alle begrüßten uns so herzlich, als wollten sie uns überhaupt nicht mehr loslassen.
Im gegenüberliegenden Eckhaus lebte eine Familie mit zwei Mädchen, Dora und Angela. Auch sie freuten sich jedes Mal, wenn wir wieder nach Samos kamen, und wir freuten uns ebenso auf sie.
Dora wurde später sogar meine unmittelbare Nachbarin am Gaggou-Strand. Sie heiratete Michael Marinaki, der bei meiner Großtante Morfia Gaggou wohnte und ihr bei der Bewirtschaftung des Besitzes half. Michael hatte zunächst ein Zimmer unterhalb ihres Hauses bewohnt. Später erbte er das alte Ursprungshaus und ein angrenzendes Grundstück.
Meine Großtante hatte ausdrücklich verfügt, dass dieses Haus nicht grundlegend verändert oder abgerissen werden durfte. Es sollte instand gehalten und als Erinnerung an sie bewahrt werden. Das Haus war für sie eben nicht nur ein Gebäude, sondern ein Stück Familiengeschichte.
Warum der Strand Gaggou heißt
Auch der Name des heutigen Gagou-Strandes ist eng mit unserer Familiengeschichte verbunden.
Meine Großtante Evmorfia, genannt Morfia, Gaggou, geborene Chrysaki, war mit Dimitrios Gaggou verheiratet. Er war Landwirt und Großgrundbesitzer. Ihm gehörte damals ein sehr großer Teil des Gebietes, das sich bis zum Meer erstreckte. Nach seinem Tod erbte meine Großtante den Besitz und führte dessen Bewirtschaftung weiter.
Nach unserer Familienüberlieferung geht der Name des Gebietes und des heutigen Gaggou-Strandes auf den Familiennamen Gaggou zurück. Es handelt sich also nicht nur um eine beliebige touristische Bezeichnung. Hinter diesem Namen steht ein bedeutendes Stück unserer Familiengeschichte.
Meine Großtante bewirtschaftete das damals noch weitgehend unbebaute Gelände zunächst gemeinsam mit Angestellten, darunter Michael Marinaki. Später ließ sie dort mehrere Häuser errichten und vermietete diese. Insgesamt entstanden sechs Häuser, in denen auch wir als Familie während unserer Sommeraufenthalte lebten.
Nach ihrem Tod wurde der umfangreiche Besitz nicht als eine einzige Einheit an nur eine Person weitergegeben. Verschiedene Teile gingen unter anderem an Maria und Vaso Chrysaki, an Michael Marinaki und an meinen Vater. Auf diese Weise entstanden mehrere eigenständige Familiengrundstücke.
Wenn ich heute am Gaggou-Strand stehe, sehe ich deshalb nicht nur einen schönen Strand und mehrere Hotels. Ich sehe das Land, auf dem meine Familie lebte und arbeitete. Ich sehe die Häuser meiner Kindheit, die Menschen, die uns erwarteten, und die Geschichte früherer Generationen.
Unsere gastronomischen Wurzeln am Niederrhein
Der spätere Bau unseres Hotels auf Samos kam nicht aus dem Nichts. Meine Mutter und mein Vater verfügten bereits über langjährige Erfahrungen in der Gastronomie, in der Beherbergung von Gästen und in der Führung eigener Betriebe.
Von 1967 bis 1977 führten meine Eltern die Gaststätte „Baumhof“ in Krefeld-Hüls, auf dem Weg zum Hülser Berg. Der Baumhof verfügte über einen riesigen Biergarten. Für die Kinder gab es dort ein Karussell, eine Rutsche und Schaukeln.
Auch Reiter machten dort Rast. Während die Gäste bei uns einkehrten, konnten ihre Pferde ebenfalls verweilen. Unter dem Gebäude befanden sich eine Kegelbahn und ein sehr großer Saal. Dort wurden regelmäßig Feste und insbesondere Weihnachtsfeiern veranstaltet. Außerdem gehörten Zimmervermietungen zum Betrieb.
Parallel dazu führten meine Eltern zeitweise eine weitere Gaststätte auf der Gladbacher Straße in Krefeld, direkt gegenüber der damaligen Hansawache. Dort befindet sich heute das Hansa Centrum. Über der Gaststätte lagen mehrere Zimmer. Einen Teil davon vermieteten wir, einen anderen Teil bewohnte unsere Familie zeitweise selbst – besonders an den Wochenenden, da unser eigentliches Zuhause in St. Hubert war.
Später führten meine Eltern noch eine weitere Gaststätte mit Zimmervermietung am Ostwall, fast an der Ecke zur Breite Straße.
Ich bin deshalb buchstäblich mit Gastronomie und Zimmervermietung groß geworden. Meine Eltern wussten, was es bedeutete, Gäste zu bewirten, Zimmer zu vermieten, größere Feiern auszurichten und einen umfangreichen gastronomischen Betrieb zu führen.
Das Versprechen meines Großvaters
Bereits 1974 versprach mein Großvater meiner Mutter, ihr ein Grundstück am Gaggou-Strand zu schenken, wenn sie dort ein Hotel bauen wollte. Dieses Versprechen hatte einen sehr konkreten Hintergrund: Mein Großvater kannte die gastronomische Erfahrung meiner Mutter und meines Vaters. Er wusste, dass beide bereits erfolgreich eigene Gaststätten und Zimmervermietungen betrieben hatten und daher die notwendigen praktischen Kenntnisse für den Aufbau eines Hotels besaßen.
Die Planungen für das Hotel begannen. Die Zeichnungen waren bereits fertiggestellt und ein niederländisches Bauunternehmen sollte das Hotel auf Samos errichten.
Doch im Juni 1978, als wir uns gerade während unseres Urlaubs auf Samos befanden, starb mein Großvater – kurz bevor der Hotelbau beginnen sollte. Das Grundstück wurde daraufhin von meinem Vater geerbt.
Der Tod meines Großvaters hätte das Ende des Hotelprojekts allein noch nicht bedeuten müssen. Doch nur wenige Monate später traf unsere Familie ein noch viel schwererer und völlig unerwarteter Schicksalsschlag: Am 14. Dezember 1978 starb meine Mutter im Alter von nur 38 Jahren.
Mit ihrem Tod verlor mein Vater nicht nur seine Ehefrau und wir Kinder unsere Mutter. Verloren ging zunächst auch die Kraft, das gemeinsam geplante Hotelprojekt weiterzuverfolgen. Mein Vater stellte die Pläne für den Hotelbau deshalb erst einmal zurück.
Eine Flakstellung auf unserem Grundstück
Als wir 1983 wieder nach Samos kamen, mussten wir feststellen, dass auf unserem Grundstück inzwischen eine feste militärische Flakstellung zur Flugabwehr errichtet worden war. Der griechische Staat hatte das Grundstück damit tatsächlich in Anspruch genommen, obwohl es sich im Eigentum meines Vaters befand.
Als mein Vater den Hotelbau wieder aufnehmen wollte, konnte er deshalb nicht einfach mit den Arbeiten beginnen. Er musste zunächst gegen den griechischen Staat auf Beseitigung der Flakstellung klagen.
Dieses gerichtliche Verfahren zog sich über mehrere Jahre hin. Erst nachdem mein Vater den Rechtsstreit erfolgreich abgeschlossen hatte, wurde die militärische Stellung von unserem Grundstück entfernt. Damit war der Weg für den Hotelbau endlich wieder frei.
Das Hotelprojekt, das bereits 1974 seinen Anfang genommen hatte, war durch den Tod meines Großvaters, den frühen Tod meiner Mutter und anschließend durch die militärische Nutzung des Grundstücks um viele Jahre verzögert worden.
Der Bau unseres Hotels am Gaggou-Strand
Nach der erfolgreichen Beseitigung der Flakstellung mussten neue Hotelpläne erstellt werden. Die frühere Planung konnte nach so vielen Jahren nicht einfach unverändert übernommen werden.
Die neue Planungs- und Bauphase begann 1988. Im Jahr 1989 wurde das Hotel schließlich auf dem Grundstück errichtet, das mein Vater 1978 von seinem Vater geerbt hatte. Nach all den persönlichen Schicksalsschlägen, Verzögerungen und dem jahrelangen Gerichtsverfahren wurde damit doch noch Wirklichkeit, was meine Mutter und mein Vater viele Jahre zuvor gemeinsam geplant hatten.
Das Hotel eröffnete 1990 beziehungsweise 1991. Es verfügte über insgesamt 56 Zimmer, die alle einen Blick auf das Meer hatten. Es war kein anonymes touristisches Großprojekt, sondern ein Familienbetrieb an einem Ort, mit dem unsere Familie bereits seit Generationen verbunden war.
Auf dem in diesem Beitrag gezeigten Foto steht rechts unser ehemaliges Hotel mit seinen 56 Zimmern. Links daneben befindet sich unser damaliges Wohnhaus. Auch die vier Häuser hinter den Bäumen gehörten früher zu unserer Familie. Im Vordergrund liegt der Gaggou-Strand – jener Strand, der nicht nur mit dem Namen Gaggou, sondern auch mit der Geschichte unserer Familie verbunden ist.
Mein eigenes Leben und meine Arbeit auf Samos
Im Jahr 1993 zog ich gemeinsam mit meinem Sohn nach Griechenland. Bis 1997 lebte und arbeitete ich auf Samos. Damit kannte ich die Insel nicht mehr nur aus der Perspektive eines Urlaubers oder aus den Erinnerungen meiner Kindheit.
Ich erlebte dort den Alltag, die Arbeit und die Verantwortung eines Familienbetriebes. In unserem Hotel arbeitete ich in sämtlichen Schichten an der Rezeption. Zu meinen Aufgaben gehörten unter anderem Reservierungen und Buchungen, die Betreuung der Gäste, Arbeiten beim Frühstück und an der Hotelbar sowie Büro-, Wäsche- und weitere im Hotel anfallende Tätigkeiten.
Ich wusste aus meiner Kindheit, wie viel Arbeit hinter einem gastronomischen Betrieb und einer Zimmervermietung steckt. Auf Samos übernahm ich diese Verantwortung nun selbst.
Das Hotel war für mich deshalb niemals nur ein Gebäude, das mein Vater hatte errichten lassen. Seine Geschichte begann mit der gastronomischen Arbeit meiner Eltern am Niederrhein, mit dem Versprechen meines Großvaters an meine Mutter und mit den ersten Plänen aus den 1970er-Jahren.
Es war zugleich mit schweren Verlusten verbunden: dem Tod meines Großvaters im Juni 1978 und vor allem dem unerwarteten Tod meiner Mutter am 14. Dezember 1978. Es stand aber auch für die Beharrlichkeit meines Vaters, der sich durch ein jahrelanges Gerichtsverfahren kämpfen musste, bevor er das Grundstück wieder für den vorgesehenen Zweck nutzen konnte.
Samos war für mich daher niemals nur Sonne, Strand und Urlaub. Die Insel war mein Zuhause, mein Arbeitsplatz und der Ort meiner Vorfahren. Dort wurde aus den Kindheitserinnerungen ein eigenes, selbstständiges Leben.
Jeder Abschied tat weh
So sehr ich mich jedes Mal auf die Reise nach Samos freute, so schwer fiel mir die Rückfahrt nach Deutschland. Wenn der Urlaub zu Ende war und wir die Insel wieder verlassen mussten, habe ich häufig sehr geweint.
Ich weinte, weil wir unsere Familie zurücklassen mussten. Ich weinte, weil die Menschen dort so herzlich zu uns waren. Und ich weinte, weil Samos mit seiner Landschaft, dem Meer, den Düften, den Geräuschen und seinem besonderen Lebensgefühl für mich einer der schönsten Orte der Welt war.
Dieser Schmerz beim Abschied bedeutete nicht, dass ich Kempen oder St. Hubert weniger liebte. Ganz im Gegenteil: Kempen ist die Heimat meiner Mutter und der Ort, an dem ich aufgewachsen bin und bis heute lebe. Samos ist die Heimat meines Vaters und ebenfalls ein Teil meiner eigenen Identität.
Manchmal hat ein Mensch nicht nur eine Heimat. Manchmal liegen zwischen seinen beiden Heimaten mehr als 2.000 Kilometer, mehrere Länder und eine lange Fahrt über das Meer. Und trotzdem gehören beide Orte untrennbar zusammen.
Samos ist für mich deshalb weit mehr als eine griechische Insel. Samos ist Familie, Erinnerung, Herkunft und gelebte Geschichte. Es ist der Ort, an dem ich als Kind glücklich war, an dem meine Eltern ein gemeinsames Lebenswerk beginnen wollten und an dem ich später selbst mit meinem Sohn gelebt und gearbeitet habe.
Es ist ein Ort, von dem mir jeder Abschied das Herz schwer machte und mit dem ich trotz aller Veränderungen bis heute tief verbunden bin.
Diese Verbindung wird bleiben – solange ich lebe.
